Linda Watson im Gespräch mit Susan Dormady

Teil 8

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Sie haben sich Gedanken über die Bedeutung ihres Talents gemacht. Welches Fazit konnten Sie ziehen?

Wie ich schon erwähnte, habe ich mir mein Singen lange erkämpft, und ich frage mich dauernd „Was mache ich da eigentlich?“

In meinen eigenen, privaten, spirituellen Gedanken komme ich zu dem Schluss, dass der Schlüssel darin liegt, mit meinem Leben einen Unterschied für andere herzustellen.

Alles in der Welt existiert nebeneinander: Krieg, Hunger – und was mache ich? Singen in einem abscheulichen Kostüm auf einem Felsen.

Aber kürzlich sind zwei Dinge passiert, die mein Denken verändert haben. Ich habe in Taipei gesungen, wo sie zum allerersten Mal einen „Ring“ gemacht haben. Dort war ein junges Orchester, dass sich die Seele aus dem Leib spielte, um wunderschön zu klingen. Nun spreche ich kein Chinesisch, deshalb gab es eine Assistentin für uns Künstler, Alice Chang, die sich um mich kümmerte und deren Tochter als Cellistin in jenem Orchester spielte. Nach der ersten Orchesterprobe kam Alices Tochter nach Hause und erzählte ihrer Mutter: „Mamma, ich konnte heute nicht weiterspielen, weil ich so sehr weinen musste, als ich Linda Watson singen hörte. Ich habe so etwas nie in meinem Leben gehört.“ Es zerriss mich förmlich, ich konnte es nicht glauben. Du singst tagein, tagaus und du weißt, dass das Publikum dort sitzt, denn es applaudiert, aber du weißt nicht, ob du überhaupt jemanden wirklich erreichst. Ich mag in einer Riesenproduktion von „Tristan und Isolde“ oder „Die Walküre“ sein, und sicherlich berührt das ganze die Leute, aber du weißt nicht, ob das, was ausgerechnet du dabei tust, einen Unterschied macht. Und dann hörte ich, dass Alices Tochter aufhörte, Cello zu spielen, weil sie sie weinen musste, und ich denke mir „Gott, vielleicht habe ich diesem Menschen geholfen zu verstehen, worum es bei der Musik geht.“

Ein anderes Mal gab ich ein Konzert in Berkeley, wo anschließend eine Dame zu mir kam und sagte, ihr Mann sei zwei Tage zuvor verstorben. Sie wollte ohnehin das Konzert besuchen, aber meine erste Zugabe, ein Stück von Strauss, war sein Lieblingslied, und der Gesang hob sie vollständig aus ihrer Trauer. Erlebnisse wie diese lassen mich denken „Das ist es, wofür ich es mache und warum ich versuche, es besser zu machen.“

Ich hab einen Artikel über Präsident Bill Clinton in einem Magazin gelesen, der von den Dingen handelte, die er in der Welt macht, seitdem er nicht mehr im Weißen Haus sitzt. Am Ende standen ein oder zwei Sätze, die mich umgehauen haben. Er sagte, 99 Prozent der Menschen in der Welt arbeite, um zu leben und wenn man zu dem einen Prozent gehöre, das lebt um zu arbeiten, gehöre man zu den sehr privilegierten Menschen – und wenn man als solcher einen Unterschied durch seine Passion herstellen könne, habe man die moralische Verpflichtung, es auch zu tun.

Das durchfuhr mich wie ein Blitz. Ich konnte nicht glauben, dass er das gesagt hatte. Er konnte nicht wissen, dass eine Opernsängerin seine Worte las und sie auf das bezog, was sie tat. Für mich ist dieses unglaubliche Zitat die Antwort auf meine Frage über den Wert des Singens. Tatsächlich liebe ich aufrichtig meine Arbeit und ich habe eine wesentlich innigere Verbindung zu dem, was ich singe, als dass ich es einfach nur als „La, la, das glamouröse Leben“ sehe.

  

Die ausgebildete Mezzosopranisten Susan Dormady arbeitet seit 1981 als freiberufliche Autorin in Maryland. Soeben beendete sie ihren ersten Roman „The Voice I Just Heard“, der die Geschichte einer Sopranistin erzählt, die nach einer Familientragödie entscheidet, nicht mehr zu singen.

Wenden Sie sich gern in englischer Sprache an die Autorin susandormady@aol.com

 Übersetzung: Tim Lange

 

 

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